Über mich
Mein literarischer Werdegang
Eigentlich begann meine Begeisterung für das Schreiben bereits während meiner Schulzeit in den Siebziger Jahren. Ich habe an der legendären "Reichsfreiherrliche Hauspostille" - der damaligen Schülerzeitung des Freiherr-vom-Stein Gymnasiums mitgearbeitet und so manches hausinternes Skandälchen aufgedeckt. Über meine Leistungen im Bereich der Naturwissenschaften decken wir zwar lieber mal den barmherzigen Mantel des Schweigens, aber in den Fächern Deutsch und Literatur konnte ich dafür zeigen, was in mir steckte.
Jahre später machte ich zufällig die Bekanntschaft von Ralf Leismann, dem Herausgeber des freien Comic-Fanzine 'Hirngespenster'. Nun bin ich zwar nicht in der Lage irgendetwas zu zeichnen, was über ein dahingekrakeltes Strichmännchen hinausgeht, aber zum einen wurden in den Hirngespenstern auch Kurzgeschichten veröffentlicht und zum anderen war man dort aber auch immer auf der Suche nach Material, das sich für einen Comic eignete. Viele meiner Kurzgeschichten dienten daher tatsächlich als Vorlage für so manche Bildergeschichte.
Es gab natürlich auch immer wieder Phasen, in denen ich mich über Jahre hinweg nicht mehr an meinen Schreibtisch gesetzt habe, aber so ganz hat mich meine Begeisterung nie verlassen.
Tja und nun, da ein Halbgott in Weiß mit seiner Diagnose meinem Berufsleben vorzeitig ein Ende gesetzt hat, hat mich mein Schreibtisch mit jeder Menge Zeit wieder. Und die möchte ich jetzt wieder für meine alte Leidenschaft nutzen.
Schauen wir mal....
Leseprobe "Träumer"
Möglicherweise bilde ich es mir nur ein, aber ich bin felsenfest davon überzeugt, dass sich mein Unterbewusstsein gegen das Einschlafen wehrte. Meine Erinnerung, oder das, was ich dafür halte, sagt mir, ich hätte die Explosion kommen sehen, vorausfühlen können - oder wie immer man das auch ausdrücken will. Erst zehn Tage später kam ich wieder zu mir.
Stille. Völlige Stille. Ein Vakuum an Geräuschen.
Und Körperlosigkeit. Vollkommenes Nichtvorhandensein. Und Finsternis. Totale Finsternis.
Dann eine Sonne. Licht. Ein aufgehendes Morgenrot in der Dunkelheit. Und in dem Licht eine Explosion. Lautlos, doch mit der Urgewalt der Schöpfung.
Dann Gedanken. Rasende Blitze ohne Sinn und Verstand. Gefühle, Ängste, ein fassbares Etwas des eigenen Ichs.
Und dann endlich eine Stimme.
"Hörst Du mich, Schatz? Kannst Du mich hören?"
Konturen flossen zusammen. Und auseinander. Schließlich Bilder. Wie Träume. Irgendwie.
"Hörst Du mich?"
Das Chaos verebbte. Stillstand. Und vor mir... endloses Land.
"Großer Gott, sag etwas."
Irgendwo in der weiten Steppe sprach diese Stimme zu mir. Ein Zug raste durch einen schwarz-weißen Tunnel genau auf mich zu, doch ich lauschte nur den warmen, sorgenvollen Worten. Farben detonierten lautlos wie Seifenblasen und verschwanden in einem völligen Nichts.
"Ich bin es, Eve. Kannst Du mich verstehen?"
Der staubige Sand der Prärie brannte in mir und in der Ferne vernahm ich das Heulen der Raketen. Der Wind schrieb mathematische Formeln an den Himmel und Hamlet spielte in einem Nachtclub Saxophon, doch der Text schien mir zu gelten.
"Komm schon, sag etwas. Irgendwas."
Buster Keatons Gesicht hing wie ein Luftballon zwischen den Planeten, während sein grüner, schuppiger Schwanz langsam durch meine brennenden Haare fuhr.
"Rosebud," hörte ich mich murmeln.
"Er kommt zu sich, Troy."
Ein schwarzer Mond ging über der Großstadt auf. Er explodierte in einem gewaltigen Atompilz und ein dunkler Stachel durchbohrte meinen Hals.
"Sein Puls ist normal."
"Rosebud," murmelte ich wieder und richtete mein blutgetränktes Schwert auf den Schneeball über mir.
"Keine Angst, Eve. Das Schlimmste hat er hinter sich."
Ein salziger Ozean stürzte an mir vorüber und drohte die dümpelnden Fregatten zu verschlingen, doch eine weiße, unendliche Leere wischte ihn einfach fort.
"Er muss trinken, Eve. Flöss ihm so viel Wasser ein, wie Du nur kannst. Das ist im Moment das Einzige, was wir für ihn tun können."
Der Ozean kam wieder aus den Kratern gekrochen und schwemmte die grausamen Feuer mit sich, die glühend heiß auf meinem Körper brannten. Doch zwischen den tanzenden Flammen stand noch immer der Schneeball wie ein Monument.
"Eve."
Das Wort hallte in mir wie ein Gewittersturm.
"Er erkennt mich, Troy. Er kann mich sehen."
Der Schneeball fiel in Millionen Flocken auf mich herab und begrub mich unter einer duftenden Decke.
"Eve."
Schillernde Luftschlangen hoben sich wie ein Vorhang und zwischen ihnen sah ich die Augen der Welt. Ein Feuerwerk von Bildern rahmten sie ein, doch die Augen wischten sie einfach beiseite.
"Ich denke, er ist über'n Berg. Ganz sicher."
Ein gläserner Zeppelin schwebte durch den Himmel genau auf mich zu und rauschende Wellen vertrieben die Wüste in mir. Ich schluckte, schluckte und schluckte. Die Augen formten sich zu einem Gesicht und das Gesicht zu einem Menschen, den ich liebte.
"Wer bist Du, Schatz? Wenn Du mich verstehen kannst, sag mir einfach Deinen Namen."
Ich krümmte meine Lippen so gut ich konnte.
"Ich heiße Ishmael!"
Düstere Wolken zogen in den Augen auf und ich sah deutlich die Sorge an diesem verrückten Horizont.
"Eve," sagte ich und spürte, wie mich der Schlaf übermannte. "Ich hasse 'Moby Dick'."
Ich weiß nicht, ob Sie sich vorstellen können, was ein Traumkollaps wirklich bedeutet. Rein technisch ist es unmöglich, mehr als zwei oder drei Disketten gleichzeitig in einen Traumadapter zu legen, was einem gesunden Menschen schlimmstenfalls eine unruhige Nacht beschert. Doch bei einigen verrückten Kids in den Downtowns ist es Mode geworden, mehrere (und vor allem verschiedene) Träume gleichzeitig auf eine Diskette zu kopieren. Das 'Dream-Zapping' verschafft ihnen einen Kick, der jede Droge in den Schatten stellt. Mit dem Leichtsinn eines Seiltänzers tasten sie sich an das sogenannte 'Black Hole' heran, einem Zustand völliger Irrationalität. Die Gedanken und Gefühle hunderter von Menschenleben detonieren in ihren Köpfen, fluten durch ihre Körper und lassen nichts anderes mehr zu als das Eigene Ich, eingebettet in eine fantastische Traumkollage. Ein Schweben zwischen Leben und Tod. Das 'Black Hole' selbst ist die Schwelle in eine andere Welt. Fast täglich findet man Jugendliche, die sich einen Traum zu viel zugemutet haben, tot auf irgendeiner Traumparty. Die Funkkontakte kleben an ihren Schläfen und in ihren Gesichtern spiegeln sich häufig die Erlebnisse von bis zu vierzig gleichzeitig geträumten Träumen. Vielleicht können Sie es sich so vorstellen: Ein Übermaß an täglichen Informationen, die wir zu verarbeiten haben, kann einen wachen Menschen irritieren, reizbar machen, schlimmstenfalls verliert er das Bewusstsein. Unser Unterbewusstsein aber können wir nicht verlieren. Es saugt die Träume immer weiter auf, wie ein Schwamm, und versucht verzweifelt, die Erfahrungen und Gefühle zu verarbeiten. Es pumpt die Reize unaufhörlich in das völlig überlastete Nervensystem, ohne die Chance, diese sinnlose Flut aufzuhalten; so wie ein Fluss nicht aufhört, in einen überlaufenden Stausee zu fließen. Bei einer Traumüberdosis führt das zu einem physischen `Überlauf'. Jeder Muskel des Körpers verkrampft zunächst, spannt sich bis zum Zerreißen, während immer neue und neue Impulse durch sie hindurchjagen. Die Pulsfrequenz erhöht sich. Die Lungen versuchen verzweifelt genug Sauerstoff in die überlasteten Zellen des Körpers zu transportieren. Das Blut des Schläfers rast durch die Adern und Venen. Die Stimmbänder versagen - kein Schrei, nicht einmal ein Röcheln. Schließlich beginnt das Herz zu flimmern.
Es ist ein grässlicher Tod.
Auf den Disketten, die C.D. in meinem Büro vertauscht hatte, waren über eintausend verschiedene Träume kopiert.
Als ich mich wieder in der Lage fühlte, die Realität zu verarbeiten, erzählte mir Eve schluchzend, was an jenem Abend geschehen war. Sie war stinkwütend gewesen, weil ich mich mit Floyd amüsierte, während sie allein mit Troy die anfallende Nachtarbeit in der Lagerhalle erledigen sollte und hatte stundenlang herumgeflucht wie ein Bierkutscher. Ihre ständige Nörgelei war Troy begreiflicherweise auf die Nerven gegangen, so lange, bis er sie endlich in seinen alten Bulli lud und zu Floyds Penthouse fuhr. Glücklicherweise hatte Floyd seine Wohnungstür nicht abgeschlossen. Als wir auf das Klingeln und Klopfen der beiden nicht reagierten...
Ich war zu diesem Zeitpunkt bereits kollabiert. Mein Körper zuckte wie unter Stromstößen und Schaum quoll mir aus dem Mund. Eve stürzte sich sofort auf mich, riss mir den Funkkontakt von der Schläfe und schlug mir mit ihren Fäusten ins Gesicht. Ich reagierte nicht. Meine Augen flatterten und mein Herz raste wie wild. Doch zumindest lebte ich noch. Für Floyd hingegen kam jede Hilfe zu spät.
Nur mit Mühe konnte Troy Eve davon abhalten, einen Notarzt zu verständigen. Der Junge hatte in seinem Leben schon viel zu viel mitgemacht, um nicht sofort zu erkennen, dass hier kein Unfall geschehen war. Er trug mich zum Wagen und kehrte auf der Stelle in die Lagerhalle zurück. Ich war weder blind noch taub, noch gelähmt, doch jede Zelle meines Körpers war überfrachtet mit Millionen sinnloser Informationen. Meine eigene Persönlichkeit lag verschüttet unter einer Lawine fremder Träume. Zehntausende Leben lebten in mir, spalteten mich auf und setzten mich immer wieder neu zusammen.
72 Stunden lang bangten Eve und Troy um mein Leben. Dann erst stabilisierte sich mein Kreislauf wieder und ich fiel in eine tiefe Bewusstlosigkeit.
Ich weiß nicht, welchem Umstand ich es verdanke, dass ich im Gegensatz zu Floyd den Traumkollaps überstanden habe. Vielleicht lag es daran, dass ich nur eine Halbschlafkapsel schluckte - vielleicht ist ihm auch seine höhere mental-visuelle Kapazität zum Verhängnis geworden. Vielleicht aber war es auch einfach nur Glück.
In meinem Unterbewusstsein tobte ein furchtbarer Kampf. Unbekannte Fantasien und Gedanken vermischten sich mit meinen eigenen Gefühlen und Erinnerungen. Noch heute schleichen sich manchmal Bilder in mein Bewusstsein, von denen ich nicht sagen kann, ob sie tatsächlich zu mir gehören. Manchmal schrecke ich nachts aus dem Schlaf und werde von Horrorvisionen gepeinigt, die so real sind, dass Traum und Wirklichkeit vor meinen Augen verschwimmen. Doch ich lebe - nur das allein zählt!
Ich habe Troy wahnsinnig viel zu verdanken. In den Tagen meiner Bewusstlosigkeit drohte Eve den Kopf zu verlieren. In ihrer Angst und Verzweiflung dachte sie allen Ernstes daran, in die Firma zu fahren, um mein Fehlen mit einer dusseligen Erkältung zu entschuldigen. Sie schien einfach nicht begreifen zu wollen, dass es keinen Schein mehr zu wahren gab. Troy musste sie praktisch mit Gewalt daran hindern, die Lagerhalle zu verlassen. Wohl keiner von uns bedeutete dem Jungen mehr als Eve, und es muss ihm unsagbar schwer gefallen sein, sie mehr als nur einmal mit mir zusammen in dem kleinen Pausenraum einzuschließen. Ich bin mir nicht sicher, ob er die Zusammenhänge tatsächlich durchschaute, aber sein Instinkt muss ihm wohl gesagt haben, dass wir zumindest im Moment nur in der Lagerhalle einigermaßen sicher waren. Sofort hatte er die Sim-Karten aus unseren Handys entfernt und Ich wage gar nicht daran zu denken, was hätte geschehen können, wenn Eve womöglich C.D. oder O'Neill in die Hände geraten wäre. Außerdem blieb nahezu die gesamte Auflösung unseres Projektes an ihm hängen, denn Eve wich in den Tagen und Nächten meiner Bewusstlosigkeit nicht von meiner Seite.
An dem Morgen, an dem ich endlich wieder die Augen aufschlug, verstreute man die Asche meines Freundes, so wie er es sich gewünscht hatte, über dem Ozean.